Durch den kleinen Eisbären Knut ist er berühmt geworden - Thomas Dörflein. Der Tierpfleger des Berliner Zoos hatte das Jungtier, das von seiner Mutter verstoßen worden war, mit der Flasche aufgezogen, hatte sich Tag und Nacht um den Kleinen gekümmert, dessen Gesundheit anfangs stark angeschlagen war. Gestern ist Thomas Dörflein gestorben. Im Alter von 44 Jahren.

Im Zoo wurde die Nachricht von Dörfleins Tod mit Bestürzung aufgenommen. Direktor Bernhard Blaszkiewitz sagte: "Das ist ein schlimmer Verlust für uns." Sein Mitgefühl gehöre all denen, die um Dörflein trauern, dessen Familie, dessen Kindern, dessen Lebensgefährtin, dessen Freunden. Bärenkurator Heiner Klös sagte, Dörflein habe ein "wahnsinniges Tiergefühl" gehabt und immer gute Arbeit geleistet.

Thomas Ziolko von der Fördergemeinschaft von Tierpark und Zoo betonte: "Dörflein hat gerade im letzten Jahr mit seinem Engagement entscheidend zur Attraktivität des Zoos beigetragen und dadurch Knut zum Botschafter seiner Artgenossen gemacht."

Auch Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) äußerte sich bestürzt über den plötzlichen Tod von Knut-Tierpfleger Thomas Dörflein. "Der Berliner Zoo hat einen Sympathieträger verloren." Thomas Dörflein sei als "Pflegevater" von Knut weit über Berlin hinaus bekannt als eine sympathische, engagierte Persönlichkeit. "Ich hoffe, dass wir in den nächsten Tagen etwas mehr zu den Todesumständen erfahren."

Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD), der eine Patenschaft für Knut übernommen hatte, reagierte ebenfalls betroffen. Er habe Dörflein bewundert, "wie intensiv und ausdauernd er sich um Knut und die anderen ihm anvertrauten Tiere gekümmert hat".

Dörflein ist nicht am Arbeitsplatz gestorben, sondern bei Freunden in Wilmersdorf. Polizei und Feuerwehr waren gestern am Mittag alarmiert worden. Der Notarzt konnte bei seinem Eintreffen nur noch den Tod des Mannes feststellen. Die Todesursache ist ungewiss. Die Polizei schließt allerdings ein Verbrechen oder Selbstmord aus. Möglich ist ein plötzlicher Herztod. Dörflein soll an Krebs erkrankt gewesen sein. Heute hätte er sich einer Meniskus-Operation unterziehen sollen.

Kräftige Oberarme, dunkler Vollbart, gelockter Zopf - "ein Mann wie ein Baum", das haben viele Berliner gedacht. Dörfleins Tod kommt überraschend, nicht nur wegen seines Alters, sondern auch, weil unzählige Bilder Dörflein als muskulösen Hünen bei der Arbeit zeigen. Wie er kraftvoll in Knuts Wassergraben springt, um sein Ziehkind zum Schwimmen und Tauchen zu animieren. Wie er kiloweise rohes Fleisch über den Zaun wirft, um seine Raubtiere zu füttern. Wie er sich in aller Ruhe seine halblangen schwarz-braunen Haare hinters Ohr streicht und dann mit seinen Kollegen Marcus Röpke und Ronny Henkel über einen Knut-Witz lacht. Er hat den kleinen Bären geliebt und war sichtlich stolz, als Knut Karpfen aus seinem Wassergraben fischte und tötete - zum Missvergnügen zahlreicher Tierschützer. Dörflein hat aber nicht abgöttisch an dem Rabauken gehangen. "Verzogen" sei Knut und "ganz schön anspruchsvoll", hat Dörflein über das weltberühmte Raubtier zu Protokoll gegeben.

Ein Fluch wurde das weiße Wesen für Dörflein aus einem anderen Grund: Im Mittelpunkt zu stehen war ganz und gar nicht Dörfleins Sache. Seine Arbeit wollte er machen, das war alles. Doch im Frühjahr vergangenen Jahres wurde Dörflein ins Rampenlicht gedrängt. Die Geschichte um das von Mutter Tosca verstoßene Bärenkind sorgte nach dem ersten öffentlichen Knut-Auftritt am 23. März 2007 für fast schon hysterischen Trubel. Knut brach später Besucherrekorde und brachte Millionengewinne für den Zoo Berlin.

Immer mittendrin: der zurückhaltende Ziehvater, der in Knuts ersten Lebenswochen Tag und Nacht bei dem Flaschenkind gewacht und ihm manchmal Elvis-Songs auf der Gitarre vorgespielt hatte. Sogar an Weihnachten und Silvester, obwohl Thomas Dörflein selbst Vater einer 22-jährigen Tochter und eines 17-jährigen Sohnes war. Die Knut-Manie schwappte auf Dörflein über. Weibliche Fans verfolgten den Mann in Groupie-Manier bis nach Hause. Und als er mit seiner Freundin und deren Sohn in den Süden Berlins zog, dauerte es nur wenige Tage, bis auch dort Frauen jeden Morgen vor der Haustür standen. Stalker, immer zugegen, wenn Dörflein die Wohnung verließ, um zum Zoo zu fahren und schon vor acht Uhr hinter dem Bärengehege seine Arbeit zu beginnen.

Seit 1982 hat der Tierpfleger im Zoo gearbeitet. Dass die Bären, die er seit rund 20 Jahren betreute, seine Lieblingstiere waren, konnte jeder sehen, der ihn bei der Arbeit beobachtete. Nicht bloß in den Momenten, die Kameras für Medien aus aller Welt festhielten. Wie er dem heranwachsenden Knut liebevoll zulächelte. Den "Höhepunkt meines Berufslebens", nannte Dörflein die Chance, ein Jahr an der Seite des berühmten Eisbären verbringen zu können.

Dörflein hat Interviews nicht gemocht. Aber die Knut-Videos hat er sich immer wieder gerne angeschaut. Die schönsten Fotos pinnte er in seinem Arbeitszimmer im Zoo an die Wand. Er sammelte sie, um später im Alter daran Gefallen zu finden, was für ein stattlicher Typ er selbst doch gewesen sei. Das geht jetzt nicht mehr. Aber seine Familie, seine Freunde, Kollegen und seine Fans werden Thomas Dörflein so in Erinnerung behalten.

Quelle: Welt online


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